Im Auftrag des Europarats publizierte der frühere schweizerische Europaratsabgeordnete Dick Marty 2011 einen spektakulären Bericht, in dem er eine Gruppe innerhalb der Kosovarischen Befreiungsarmee UCK beschuldigte, nach Kriegsende im Juni 1999 widerrechtliche Tötungen, Entführungen, sexuelle Gewalt und Zwangsvertreibung vorgenommen zu haben. Die meisten Opfer seien Serben und Roma gewesen. In einer „Handvoll“ von Fällen, wie sich Marty damals ausdrückte, sollen Opfern auch Organe entnommen worden sein. Um diese Taten abzuurteilen, billigte am 3. August 2015 das kosovarische Parlament eine Verfassungsänderung, die den Weg für die Schaffung eines Sondertribunals mit Sitz in Pristina und Den Haag ebnete. Das Tribunal ist als Produkt der European Union Rule of Law Mission in Kosovo (EULEX) ein einzigartiges EU Straftribunal, das durch wichtige Drittstaaten unterstützt wird.

Dieses Seminar nimmt die Schaffung des Sondertribunals zum Anlass, nicht nur generellen völker- und europastrafrechtlichen Fragestellungen nachzugehen. Es soll auch Gelegenheit bieten, die Besonderheiten der Schaffung des Sondertribunals im Kosovo zu beleuchten. Interessierte Kandidatinnen und Kandidaten können sich daher nicht nur allgemeinen Fragestellungen aus dem Bereich des Völkerstrafrechts widmen, sondern sind ermutigt, auf Hintergründe des Kosovokonflikts, Rechtsquellen, Zuständigkeitsfragen (etwa Abgrenzung zum Jugoslawientribunal) usw. einzugehen. Auch drängen sich relevante Fragen aus dem Bereich des Europäischen Strafrechts und des Europäischen Menschenrechtsschutzes auf.

Eine erste Vorbesprechung fand bereits am 13.7.2017 um 17.00 Uhr s.t. im Seminarraum links in der Strafrechtsbibliothek im 4. Stock des Blauen Turms statt.

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